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Software oder Markdown-Datei: wie wir entscheiden

KI-Automatisierung · 8 min

Illustration: Eine Waage wiegt ein komplexes Software-Fenster gegen eine einfache Textdatei auf

Im August 2026 haben wir unsere eigene Neukundenrecherche neu aufgesetzt: rund 1.900 Unternehmen von drei Messelisten, jede Woche eine Handvoll gründlich recherchierter Dossiers. Eine passende Lösung kannten wir gut: eine Vertriebsassistenz-App mit CRM-Funktionen, die wir für einen Kunden entwickelt haben und die dort im Vertrieb läuft. Sie liest Firmenwebsites aus, erkennt Signale und entwirft Anschreiben. Für unsere eigene Recherche haben wir sie trotzdem nicht ein zweites Mal aufgesetzt.

Den Zuschlag bekam ein Ordner mit Markdown-Dateien.

Eine Markdown-Datei ist eine einfache Textdatei mit etwas Struktur. Überschriften, Listen und Links genügen. Für einen KI-Agenten wird sie zur Arbeitsanweisung: welche Quellen er nutzen darf, nach welchen Regeln er bewertet, wie das Ergebnis aussehen soll und wo seine Grenzen liegen. Zusammen mit einem Standard-CRM (wir nutzen Twenty für 9 Dollar im Monat) erledigt diese Kombination heute eine Arbeit, für die wir früher eine eigene Anwendung gebaut hätten. Seitdem stellen wir jede Werkzeugentscheidung, bei uns selbst wie bei Kunden, unter denselben Test.

Der Markdown-Test

Der Test hat eine einzige Frage. Kann eine Textdatei mit einem KI-Agenten dieselbe Aufgabe zuverlässig erledigen wie die geplante Software? Wer das ehrlich beantworten will, macht einen Versuch statt einer Schätzung. Eine Arbeitsanweisung lässt sich an echten Fällen ausprobieren, bevor eine Anwendung entsteht. Deshalb liegt der Gewinn schon in der Reihenfolge: erst die Textdatei, dann, falls der Versuch scheitert, der Code.

Vier Teile, die nicht zusammengehören müssen

Ein internes Werkzeug hat vier Teile. Der Motor erledigt die Arbeit. Das Gedächtnis hält Daten und Regeln fest. Der Auslöser bestimmt, wann etwas beginnt. Die Oberfläche zeigt Menschen das Ergebnis und nimmt ihre Eingaben an. Klassische Software verbindet alle vier in einer Anwendung. Ein KI-Agent kann sie trennen: Er arbeitet als Motor, liest eine Textdatei als Regelwerk, startet nach Zeitplan oder Auftrag und liefert das Ergebnis dorthin, wo es gebraucht wird.

Bei unserer Vertriebsrecherche ist der Agent der Motor, Twenty hält Firmen und Status fest, eine wöchentliche Aufgabe ist der Auslöser, und Dossiers sowie CRM-Einträge bilden die Oberfläche. Für diesen Ablauf brauchten wir keine eigene App. Diese Zerlegung ist nützlicher als die pauschale Frage, ob ein Unternehmen „Software oder KI“ braucht.

Vier Werkzeuge im Test

Am deutlichsten war das Ergebnis bei der Vertriebsrecherche. Die App kann vieles von dem, was unsere wöchentliche Recherche braucht. Beim Kunden ist sie die richtige Form, weil dort ein Vertriebsteam ohne Terminal damit arbeitet und jede Ansprache aus Outlook heraus prüft und sendet. Für unser eigenes Team, das ohnehin mit Agenten arbeitet, war die Textdatei die kleinere Lösung: Die Arbeitsanweisung ließ sich direkt ändern, wenn sich unsere Kriterien verschoben; ein Beispiel-Dossier zeigte dem Agenten die gewünschte Form. Dieselben Änderungen hätten in einer App Entwicklungsarbeit bedeutet, von neuen Feldern bis zum nächsten Deployment.

Bei unseren Briefings fiel der Test ebenfalls klar aus. Heute verteilen sich Abruf, Auswahl und Versand noch auf zwei Dienste. Die Redaktion gehört jedoch in eine einzige Konfigurationsdatei, die Themen, Quellen und Ausschlüsse festhält und sich ohne Programmierung ändern lässt. Deshalb sollen die beiden Dienste auf dünnen Code für Abruf, Dubletten und Versand schrumpfen.

Beim dritten Werkzeug, unserem eigenen Agenten-Betrieb, stand die Textdatei von Anfang an im Zentrum. Richtlinien, Arbeitsanweisungen und Prüfregeln sind Prosa; Agenten lesen sie und erledigen die Arbeit, und ein Mensch gibt frei, bevor etwas das Haus verlässt. Software existiert auch hier, aber nur als dünne Schicht, etwa für Postfächer und Zugriffsrechte.

Nur ein Werkzeug hat den Test klar für die Software entschieden. Unsere Anwendung für Sichtbarkeitsprüfungen untersucht, ob KI-Systeme wie ChatGPT oder Perplexity ein Unternehmen empfehlen, wenn Einkäufer nach passenden Anbietern fragen. Eine einzelne Prüfung könnte ein Agent in einer Sitzung erledigen. Die Anwendung existiert für etwas anderes: dieselbe Prüfung für viele Unternehmen, unbeaufsichtigt und wiederholbar, mit dauerhaften Abläufen, Budgetgrenzen pro Lauf, gespeicherten Belegen und später nachvollziehbaren Berichten. Sobald andere Menschen ein Werkzeug ohne uns benutzen sollen, hört die Textdatei auf zu genügen.

Niemand außer uns arbeitet im Terminal

Wir arbeiten mit Agenten und Textdateien im Terminal. Kunden und ihre Teams tun das normalerweise nicht. Deshalb ist die Oberfläche keine Nebensache; sie muss nur nicht sofort eine eigene App sein. Fünf Stufen decken die meisten internen Werkzeuge ab:

  1. Ein fertiges Ergebnis kommt als E-Mail, Bericht oder Seite. Niemand bedient das Werkzeug selbst.
  2. Der Agent arbeitet in einem vertrauten Kanal und kann Antworten dort wieder aufnehmen.
  3. Ein kleines Webformular sammelt wenige feste Angaben und liefert ein Ergebnis zurück.
  4. Ein gemeinsamer KI-Arbeitsbereich wie Claude Cowork oder ChatGPT gibt einem Team Zugriff auf Anweisungen und Dateien.
  5. Eine eigene Anwendung koordiniert mehrere Nutzer, verbindliche Zustände und unmittelbare Rückmeldungen.

Diese Stufen sind keine Reifegrade. Eine E-Mail ist für ein tägliches Briefing oft die bessere Oberfläche als ein Dashboard. Die passende Stufe hängt davon ab, wer das Ergebnis nutzt, was diese Person ändern darf und wie teuer Missverständnisse sind.

Wann Software den Test gewinnt

  • Der Ablauf erzeugt verbindliche Daten, deren Fehler teuer wären, etwa Angebote, Bestände oder Freigaben.
  • Fremde Nutzer sollen sich selbst bedienen, in einer Menge, die niemand nebenbei beaufsichtigt.
  • Der Betrieb braucht harte Grenzen, zum Beispiel ein Kostenbudget pro Lauf oder Mengenlimits, die auch ein guter Agent nicht garantieren kann.
  • Ergebnisse müssen als Beleg gespeichert und später nachvollziehbar sein.
  • Ein Team braucht eine stabile tägliche Oberfläche und arbeitet nicht selbst mit Agenten.
  • Mehrere Menschen ändern denselben Zustand gleichzeitig oder brauchen sofortige Rückmeldung, auch bei schwacher Verbindung.

Oft endet der Test allerdings nicht bei Entweder-oder. Der beste Zuschnitt ist dann eine Kombination, in der die App das System bleibt, das die verbindlichen Daten und Regeln besitzt, während der Agent darin als Ausführungsschicht arbeitet: er liest, bereitet vor, prüft Ausnahmen, ein Mensch gibt frei; wer neu baut, baut die Anwendung deshalb von Anfang an agentenfähig.

Wie viele dieser Punkte zutreffen müssen, hängt vom Risiko ab; eine feste Zahl wäre unehrlich. Die Einordnung in das größere Bild, vom Standardtool über den KI-Agenten bis zur eigenen Anwendung, steht im Leitfaden Geschäftsprozesse automatisieren.

Fünf Fragen für Ihre nächste Werkzeugentscheidung

  1. Wer außer Ihnen soll das Werkzeug benutzen, und würde diese Person eine Textdatei pflegen?
  2. Muss es unbeaufsichtigt laufen, oder prüft ein Mensch jedes Ergebnis, bevor es verbindlich wird?
  3. Schreibt es verbindliche Daten, oder bereitet es Entwürfe vor?
  4. Wie oft ändern sich die Regeln? Häufige Änderungen sprechen für Text, den Fachleute selbst anpassen.
  5. Was kostet ein Fehler: eine unglückliche E-Mail-Formulierung oder eine falsche Rechnung?

Unser Rückblick auf vier Werkzeuge führte im August 2026 zu einer festen Regel: Jede Software muss sich erst gegen eine Textdatei beweisen. Dass ein Unternehmen, das mit Softwareentwicklung Geld verdient, so entscheidet, ist kein Widerspruch, sondern das Prinzip der kleinsten sinnvollen Lösung, ernst genommen. Individualsoftware passt dort, wo verbindliche Daten, Rollen oder dauerhafter Betrieb sie rechtfertigen. Das XPO-Inventory-Projekt zeigt einen solchen Fall: Dort verbindet die Anwendung Bestände, Projektstatus und mehrere Rollen in einem gemeinsamen Ablauf: zur Fallstudie.

Zwei Dinge lässt dieser Artikel bewusst offen. Wie ein Agent sicher auf Produktivsysteme zugreift, ist ein eigenes Thema und sprengt diesen Rahmen. Und ob unsere Textdateien in zwei Jahren noch genügen, wissen wir nicht; der Test ist wiederholbar, und genau darauf verlassen wir uns.

Nehmen Sie für die nächste Entscheidung einen echten Ablauf und schreiben Sie Motor, Gedächtnis, Auslöser und Oberfläche getrennt auf. Wählen Sie dann die kleinste Oberflächenstufe, die den Nutzern und dem Fehlerrisiko gerecht wird. Im Zweifel beginnen Sie eine Stufe niedriger: Erweitern ist leichter als eine unnötige Anwendung wieder abzubauen.

Was ist eine Arbeitsanweisung (ein Skill) für einen KI-Agenten?

Ein Skill ist eine wiederverwendbare Arbeitsanweisung mit Kontext, Beispielen, erlaubten Tools und Grenzen. Er macht die Agentenarbeit stabiler, ist aber keine vollständige Fachanwendung. In der Praxis beschreibt er zum Beispiel, wie ein Dossier aufgebaut wird und welche Quellen erlaubt sind. Datenmodell, Berechtigungen und die tägliche Oberfläche ersetzt er nicht.

Wann reicht eine Markdown-Datei mit einem KI-Agenten statt einer eigenen Software?

Wenn die Aufgabe variable Wissensarbeit ist und ein Mensch das Ergebnis prüfen kann, bevor es verbindlich wird, etwa Recherche, Analyse, Entwürfe oder Datenprüfung. Bei uns übernimmt diese Kombination seit August 2026 die wöchentliche Neukundenrecherche, für die wir sonst eine zweite Instanz der Vertriebsassistenz-App gebraucht hätten, die wir für einen Kunden gebaut haben; die Textanweisung lässt sich direkt anpassen, wenn sich unsere Kriterien ändern.

Wann ist eine eigene Software-App besser?

Eine eigene App ist besser, sobald verbindliche Daten, mehrere Rollen mit Freigaben, harte Budget- oder Mengengrenzen, externe Nutzer oder unbeaufsichtigter Dauerbetrieb wichtig sind. Dann reicht eine Textdatei nicht als Grundlage für den Ablauf. Was ein Fehler kosten darf, entscheidet mit: eine unglückliche Formulierung oder eine falsche Rechnung.

Ersetzt ein KI-Agent mit Arbeitsanweisungen interne Software?

Selten vollständig. Häufig übernimmt er einzelne Schritte innerhalb der Software, etwa das Lesen von Informationen, das Vorbereiten von Vorschlägen oder das Prüfen von Ausnahmen. Verbindlich wird ein Ergebnis erst, wenn ein Mensch es freigibt; Datenhoheit und Rechte bleiben bei der Anwendung.

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